Die Geschichte des Vereins

Im 19. Jahrhundert entsprangen viele Bürgervereine und Bürgergesellschaften mit dem Wunsch, nach nachbarschaftlicher Kommunikation. Besonders in den Stadterweiterungsgebieten entstanden solche Gesellschaften. Die ehemaligen Spitaläcker auf dem Hoppelau, die Gegend zwischen Hoppenlaufriedhof, Forst-, Falkert-, Lerchen und äußerer Büchsenstraße wurden sehr spät in die Stadtbebauung einbezogen. So wurde seit dem Mittelalter dieses Gebiet als Lagerplatz von durchziehenden Zigeunern als Nächtigungsplatz genützt und die ehemaligen Spitalwiesen und -äcker noch lange als „Zigeunerinsel“, genannt. Diese Begrifflichkeit nützten 27 Gründungsmitglieder für ihren Bürgerverein, den sie am 15. Februar 1910 im Nebenzimmer des Restaurants der Witwe Henrike Kälin in der Lerchenstraße 31, gründeten.

Unser ehemaliger aktiver Zigeuner und Bezirksvorsteher des Stuttgarter Westens, Dr. Günter Stegmaier definierte die Ziele der Bürgervereine wie folgt: „ Sie wollten ein friedlicher, neutraler Boden sein, auf dem Männer der verschiedenen Parteirichtungen zu Nutz und Frommen der Stadt sich stellen können.“ Man war an kommunalen Angelegenheiten interessiert. Diese selbst auferlegten kommunalen Verantwortlichkeiten zeigten sich in den Amtsbezeichnungen und Funktionsträgern.

Der Präsident war der Schultheiß, sein Stellvertreter hieß Bürgermeister. Es gab den Ratsschreiber, den Gemeinderechner und Gemeindepfleger wie auch den Büttel. Der Gesamtvorstand wurde als Gemeinderat bezeichnet und das Vereinslokal war das Rathaus. Diese Bezeichnungen werden heute noch gepflegt, wie sie der erste Schultheiß Karl Single aus der Lerchenstraße ins Leben rief, zusammen mit seinen Mannen. Fasnet und Karneval waren den damaligen Herren noch fremd, denn es wurde das ganze Jahr Geselligkeit und ein Miteinander gepflegt.

Acht Jahre später lösten sich die meisten Bürgervereine wieder auf und die Gesellschaft Zigeunerinsel war somit bereits 1924 der letzte Bürgerverein im Stuttgarter Westen, der noch Bestand hatte.

 1933 wurde durch die nationalsozialistische Herrschaft das Vereinswesen gleichgeschaltet. So wurde 1934 bei der Hauptversammlung die Selbstauflösung beschlossen und der Name aus dem Vereinsregister gestrichen. Viele Mitglieder mussten an die Front und durch das Vereinsverbot ging alles verloren, was an die Tradition der Zigeunerinsel erinnerte. Am 7. Juli 1951 wurde der Verein wiederbelebt und am 8. September 1951 bei der Hauptversammlung, Paul Haußer zum ersten Schultheiß, gewählt. Die Presse konstatierte damals:“ Die Zigeunerinsel lebt wieder auf.“

Es zeigte sich damals wie heute, dass die Gesellschaft Zigeunerinsel immer wieder nach Tiefschlägen aufstand und mit einem sicheren Blick in die Zukunft ging und weiter gehen wird. Im Jahr 1953 wurde das erste Baronenpaar der Stadt Stuttgart inthronisiert und 1955 die erste Tanzgarde ins Leben gerufen, bevor dann 1958 der Spielmannszug seine Gründung vollzog. Bereits 1960 im 50.  Vereinsjubiläum hatte der Verein 600 Mitglieder.

An dieser Mitgliederzahl darf sich die Zigeunerinsel heute noch erfreuen und die Kompetenzen und Stärken der einzelnen Mitglieder für ein geselliges Miteinander einsetzen; so wie es unsere Vorfahren uns bereits vorgelebt hatten.

 Die Zigeunerinsel wurde bis ins Jahr 2017 von Männern geleitet, bis am 30.03.2017 die ersten drei Mitglieder Ulla Eisenhardt, Angelika Harm und Heike Schiele in den Gemeinderat gewählt wurden. Im Jahr 2018 wurde eine Satzungsänderung herbeigeführt und Heike Schiele als erste weibliche Vizepräsidenten ins Präsidium gewählt.

-Text von Heike Schiele

Der Name "Zigeunerinsel"

Bei der Gründungsversammlung am 15.Februar 1910 wurde der Namen „Zigeunerinsel“ ins Leben gerufen. Was damals ein traditionsbewusstes Anknüpfen an die Vergangenheit war, ist heute nicht ganz unumstritten. Beim näheren Befassen mit diesem Namen wird jedoch sehr schnell klar, dass unsere „Urväter“ das Gleiche wollten, wie wir Heute: Ein soziales Miteinander von Menschen, egal welcher Herkunft, Besonderheit oder Religionszugehörigkeit. Das Gebiet im Stuttgarter Westen wurde von dem fahrenden Volk der Zigeuner als Lagerplatz benutzt, da sie ihre Zelte nicht innerhalb der Stadtmauern aufschlagen durften. Was damals der Herzog ausgliederte, integrierten unsere Vorgänger. So waren die ersten Mitglieder Bürger, die im Wohngebiet „Zigeunerinsel“ ihren Wohnsitz hatten. Es entstand ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches heute unsere Zigeunerinsel mehr denn je auszeichnet: Die Fröhlichkeit, Musik und der Gesang ist sicherlich ein Gut, dass die Zigeunerinsel prägt. Mit diesem geschichtlichen Hintergrund müsste heute selbst den größten Kritikern an der Namensgebung klar sein, dass stets das Miteinander und die Gemeinsamkeit im Mittelpunkt standen: Damals wie heute

Durch die schmucken Uniformen, die z.B. der Spielmannszug als Husarenuniform trägt, die Gardekostüme in den Farben rot- weiß-grün, die gerne an „Puszta- Blut, Czardas und Ungarn“, erinnern. Weiter sei hier das Baronenpaar zu nennen, welches keinesfalls durch sein Auftreten ein Zigeunervolk in zerrissenen Kleidern darstellt, sondern an die Zeit von Kaiser Franz Josef erinnert und an den Zigeunerbaron von Johann Strauß. Mit Stolz präsentiert das Baronenpaar die Gesellschaft. Unser ehemaliger Präsident Eugen Hack schrieb bereits im Jahr 1980 in die Jubiläumschronik: 

Der Ruf als fahrendes Volk wurde durch viele Reisen innerhalb Deutschlands und Europas, sowie nach Übersee unterstrichen. Überall tragen die Zigeuner als Botschafter des Frohsinns und Humors in Erscheinung. Wir wollen auch in den kommenden Jahren das begonnene Werk fortsetzen und den Namen Zigeunerinsel weiterhin in alle Welt hinaustragen. Dieses Vermächtnis wollen wir ehren und weitertragen.
- ehemaliger Präsident Eugen Hack 1980 

Weitentwicklungen müssen sein und es ist richtig, sich mit Antidiskriminierungsdebatten auseinanderzusetzen. Da es aber Berichte von Zeitzeugen gibt, stand die Zigeunerinsel noch nie für Aussonderung und Diskriminierung, sondern für eine Offenheit aller Bürger aus Nah und Fern. Völkerverbindende Freundschaften zu pflegen, die heute noch ein wertvoller Bestandteil unserer Gesellschaft sind, war das oberste Ziel unserer Urzigeuner. Jeder ist bei uns willkommen, der diese Werte eines Miteinanders ohne Ausgrenzung verinnerlicht und das soziale Miteinander fördert und bewahrt. Wir distanzieren uns von Verfolgung von Menschen egal aus welchem Land sie stammen und stehen für Bürgernähe und Aufgeschlossenheit allen Fremden gegenüber. Die Antirassismusdebatte nach dem Tod von George Floyd animierte zu vielen Umbennungen z.B. der Zigeunersauce usw. Wir sind der Meinung, dass es hier um eine Haltung und Einstellung geht. Es ist einfach, Namen zu verändern. Uns ist es wichtig, Einstellungen und Haltungen aufzuzeigen und diese zu leben, die geprägt sind von Antirassismus und Antidiskriminierung immer mit dem Ziel unserer Vorfahren: Völkerverbindungen zu fördern und zu leben. Dies ist ein ganz klares Bekenntnis Heute und Damals!

-Text von Heike Schiele